Das Premiere Empire des Soldatenkaisers Napoleon brachte eine ganz neue gesellschaftliche Klasse an die Spitze der französischen Gesellschaftsordnung. Mehr als im Ancien Regime spielten Militärs eine zentrale Rolle am Hof. Dies macht sich nicht nur an ihren Titeln bemerkbar, denn die Herzöge, Fürsten und Prinzen bezogen ihre Beinamen kaum noch auf real vergebenen Landbesitz, sondern auf die Stätten ihrer Schlachtenerfolge. Doch auch sie versuchten einen ihrem neuen Stand angemessenen Lebensstandard zu entfalten, indem sie eigene Schlösser bauten und Kunstsammlungen anlegten, gleichsam als Kopie ihrer alten royalen Vorbilder.
Einer der bedeutendsten Träger der neuen Adelsklasse war Napoleons Stiefsohn Eugene de Beauharnais, der den Titel eines Vizekönigs von Italien erhielt. Seine Titel waren nicht an Schlachtenorte gebunden, aber ab 1809 übernahm er zunehmend wichtige Aufgaben in den Feldzügen des Kaisers. 1809 kommandierte er die Italienarmee im Krieg gegen Österreich, 1812 ein italienisches Korps im Russlandfeldzug und im Frühjahr 1813 leitete er sogar kurzzeitig als Oberbefehlshaber die Operationen in Deutschland. Obwohl Eugene eher in einem Anflug von Simonie an die Macht gespült wurde, empfand er bald ein starkes Bedürfnis, sein militärisches Können künstlerisch verewigt zu wissen. Nach der Schlacht bei Wagram traf er in Wien auf den bayerischen Militärmaler Albrecht Adam. Der junge Künstler porträtierte Offiziere mittlerer Chargen und hatte bereits einen sehr guten Ruf, sodass Eugene ihn in seine Dienste nahm.
Für den Vizekönig schuf Adam 1811 eine Serie von zwölf Aquarellen über den zurückliegenden Feldzug. Während des Russlandfeldzuges 1812 begleitete er seinen Mäzen und fertigte weitere Aquarelle an, ehe er nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1813 erste größere Schlachtenszenen in Öl fertigte. Nach dem Tod Eugenes 1824 gelang es seinen Kindern, trotz aller Widrigkeiten der Restaurationsära sich in der europäischen Adelswelt zu etablieren. Eugenes zweiter Sohn, Maximilian Herzog von Leuchtenberg, heiratete sogar eine Tochter des Zaren Nikolaus I. Der Schwiegervater ließ ihm in St. Petersburg ein großes Palais einrichten, für das Maximilian repräsentative Gemälde kaufen wollte, die den Kriegsruhm seiner Familie verherrlichten. Dafür wandte er sich an den künstlerisch weiter gereiften Albrecht Adam, mit dem er einen Vertrag über die Herstellung und Lieferung von 16 Bildern schloss. Durch den frühen Tod Maximilians 1852 konnte der Auftrag nicht vollendet werden. Nur 12 Bilder wurden bis dahin geliefert. Dieser »Leuchtenbergzyklus« gelangte nach der Oktoberrevolution 1917 mit den Nachkommen Maximilians nach Deutschland. Nach ihrem wirtschaftlichen Abstieg mussten sie die Gemälde versteigern lassen, und in der Folgezeit gingen diese verloren, sodass sie lange Zeit als verschollen galten.
Riccardo Papi, ein erfahrener Uniformkundler aus Italien, hat in jahrelanger Recherche die Spuren der einzelnen Bilder verfolgt. In einem echten Geschichtskrimi ist es ihm gelungen, den Verbleib aller Gemälde, bis auf jenes über die Schlacht bei Caldiero, für das er nur eine Fotokopie beschaffen konnte, aufzuklären. In Zusammenarbeit mit Pierre Carles, Paolo Coturri, Paolo Fanfani, Paolo Foramitti, Yves Martin und Matteo Santus entstand der vorliegende prächtige Bildband.
Das Buch beginnt mit einem fast sechzig Seiten umfassenden Auszug aus Adams Autobiografie, der bereits reichlich mit den Werken seiner verschiedenen Schaffensperioden versehen ist, seien es die unglaublich detaillierten Skizzen der Uniformen französischer Armeen, die er als 14-Jähriger in Bayern fertigte, oder die Schlachtengemälde für den Wiener Hof zum Krieg von 1848, die der Künstler im Zenit seines Schaffens malte. Hier zeigt sich, dass das Buch sehr auf Adam fixiert ist. Dem ihm im Titel gleichberechtigt gegenüber stehenden Eugene ist kein biografisches Kapitel gewidmet. Dafür erhält der dritte „Protagonist«, die Gemälde, zwei Abschnitte. Eines beschäftigt sich mit der Entstehungsgeschichte des Zyklus und ein weiteres mit der Zerstreuung und dem Wiederauffinden der Serie. Im Mittelteil werden dann die Bilder großformatig in hervorragender Auflösung farbig (bis auf das erwähnte Caldiero-Bild) abgedruckt. Geschickterweise bezieht Papi dann auch die Ölgemälde mit in das Buch ein, die Adam noch unmittelbar für Eugene angefertigt hatte. So wird klar, dass für den späteren Leuchtenbergzyklus einige Motive nur geringfügig variiert reproduziert wurden.
An den Bildteil schließen sich die einzelnen Analysen an, die von den verschiedenen Mitarbeitern Papis verfasst worden sind. Jedes Kapitel beschäftigt sich mit den Hintergründen der dargestellten Schlacht und geht dann in eine Bildanalyse über. Aufgrund der verschiedenen Autoren wirken diese Kapitel insgesamt etwas unhomogen. Je nach den eigenen Interessen fällt die Wichtung zwischen Ereignisskizze und Bildanalyse unterschiedlich aus. Interessanterweise lieferte der einzige Berufssoldat, der an diesem Buch mitarbeitete, die besten und tiefgehendsten künstlerischen Analysen. Bei diesen Kapiteln fällt auch die grammatikalisch unrunde Übersetzung auf. Für diese wurden ebenso wie für das Verfassen des Buches fachlich versierte Laien angeworben. Daher verwundert es, dass die auftretenden Mängel dann auch meistens den zeitgenössischen Fachjargon betreffen. So wurde aus einer (Heeres-)Mobilisierung die »Mobilis.Jtilll1« (5. 238) und der in den Sprachgebrauch deutscher Ingenieure übergegangene Begriff »Fleche« (ein Erdwerk) wurde teilweise einfach mit „Pfeil« übersetzt (S. 289).
Alle Autoren des Buches sind ausgewiesene Kenner napoleonischer Uniformen und die von ihnen betriebenen Analysen sind sehr präzise. Jeder Autor kann nachweisen, wo Adam einmal ein falsches Regiment abgebildet hat, oder Teile an einer von ihm gemalten Uniform unstimmig sind. Lediglich Paolo Fanfani unterlief bei seiner Analyse des Borodino-Gemäldes ein Fehler. Der Autor kritisiert die nicht korrekte Darstellung der Uniform der sächsischen Leibkürassiere. Die Kritik dafür wäre berechtigt, doch das Regiment nahm nicht am Feldzug teil, dafür die Garde du Corps und deren Uniform ist korrekt dargestellt (S. 295).
In den Analysen werden immer wieder Ausschnitte der Gemälde wiedergegeben, die es dem Auge des Betrachters ermöglichen, sich besser auf eine Szene zu fokussieren. Es wäre an dieser Stelle schön gewesen, wenn alle Autoren dem Beispiel von Pierre Carles gefolgt wären, in dessen Beitrag die Ausschnitte zusätzlich vergrößert wurden, damit die Details noch besser zu erkennen sind. Das Buch schließt mit einem Kapitel zu den heute fehlenden vier Gemälden und versucht anhand von Adams umfangreichem Skizzenarchiv mögliche Gründe hierfür anzuführen. Alles in allem liegt mit Papis Buch eine exzellente Werkanalyse des Leuchtenbergzyklus vor. Das ganze wurde vom Zeughausverlag auch in würdiger Form herausgebracht. Die hochauflösenden Farbbilder und der kostenintensive Druck rechtfertigen die 89 Euro für diesen Band. Adams Bilder bestechen, das bestätigen alle Beiträge im Buch trotz kleinerer Mängel, durch sein künstlerisches Können und ein durch persönliche Erfahrungen geschärftes Auge für Details. Damit liefern sie Quellenbelege für interessante Fragen, mit denen sich Historiker weiter auseinandersetzen können (z.B.: Warum trug Eugene als italienischer Vizekönig trotzdem lieber seine französische Uniform?). Editionen von Bilddokumenten der Napoleonischen Zeit scheinen derzeit in Mode zu kommen (es sei auf die gut recherchierten Bücher des ebenfalls »nicht aus dem Fach kommenden« Thomas Hemmann verwiesen). Papis Buch sticht hier, aufgrund der hohen Qualität der ausgewählten Bilder, der soliden Arbeit seiner Autoren und der entsprechenden Aufmachung des Verlags heraus.
Alexander Querengässer
Militärgeschichtliche Zeitschrift, 72 (2013), Seite 134 ff